Märchenhaftes Ende eines Twitter-Wettbewerbs …

Auch wer noch nie von Aschenputtel gehört oder gelesen haben sollte, weiß ja hierzulande, dass so etwas immer wieder passieren kann

And the winner is ...

Die unerwartete Gewinnerin ...

Der Musiklehrerin Priscilla Barrow aus Washington hat es aber erst einmal die Sprache verschlagen, als sie erfuhr, wie sie die Abende des 4. und 5. Juni verbringen wird: Am Donnerstagabend ist sie Ehrengast der letzten “Turandot”-Aufführung in der Washington National Opera und am Freitag ist sie geladener Gast des Opernballs in der deutschen Botschaft in Washington. “Was ziehe ich bloß an?” braucht sie sich nicht zu fragen, denn die Kostümabteilung des Opernhauses wird sie dem Anlass entsprechend einkleiden. Wer alles ganz genau wissen will, die Washington Post berichtete am 20.5. ausführlich darüber.

Aus der “Neuen Welt” …

Tja, so kann’s gehen, wenn man sich am erfolgreichen #operaplot-Twitter-Wettbewerb der kanadischen Musikkritikerin Marcia Adair beteiligt, mit einer 140-Zeichen-Opernzusammenfassung den Hauptpreis gewinnt und mit den gestifteten Preisen der Opernsponsoren überhäuft wird. Eine nette Geschichte aus der schönen neuen Social-Media-Welt, wenn …

… ja, wenn Mrs. Barrow an diesem Twitter-Wettbewerb teilgenommen hätte. Das hat sie aber nicht.

“Someday my prince will come …”

Teilgenommen und den Preis gewonnen hat der ihr völlig unbekannte Stephen Llewellyn, alias operaman. Ein ehemaliger Rechtsanwalt aus Oregon, professioneller Folk-Sänger und ausgebildeter Tenor, der seit vier Jahren für die Oper in Portland bloggt.

Stephen haben wir die märchenhafte Wendung dieser Geschichte zu verdanken, denn dieser Prinz ließ nach einem Aschenputtel suchen, das schon seit Jahrzehnten die musikalische Küchenarbeit verrichtet, aber noch nie bei einem Ball im Rampenlicht stehen durfte. Er als Opernliebhaber hätte den Preis sicherlich auch genossen, aber etwas ganz Besonderes wäre der Opernbesuch für ihn nicht gewesen.

Er suchte daher nach jemandem, für den dieses Erlebnis unvergesslich werden würde und bei dem er sich gleichzeitig stellvertretend für die wertvolle Arbeit aller engagierten Musiklehrer und -lehrerinnen bedanken konnte.

So wie es aussieht, wurde mit Priscilla Barrow die richtige Repräsentantin erwählt: Sie unterrichtet nicht nur seit 22 Jahren Musik an zwei Grundschulen in Washington, sondern hat auch Kontakte zu den ortsansässigen Kultureinrichtungen geknüpft, die dazu führten, dass ihre Schüler und Schülerinnen bei der diesjährigen “Carmen”-Aufführung mitwirken konnten.

Kunsterziehung hält sie für überaus wichtig, weil Kunst für viele Kinder die einzige Möglichkeit sei, sich auszudrücken – es drehe sich nicht alles nur um Papier, Bleistift und Wiederkäuen von Informationen.

Und die Moral von der Geschicht?

Es kommt immer darauf an, was man mit den Werkzeugen macht, die man in die Hand bekommt. Twittern kann man, um Spaß zu haben, sich das Rauchen abzugewöhnen, schlechte Werbeaktionen zu Fall zu bringen, Ergebnisse von BundespräsidentInnenwahlen auszuposaunen

Mit dem gleichen Werkzeug und dem Impuls einer allwissenden Muschel können aber auch jede Menge Kreativität und Formulierungskunst freigesetzt, viele Menschen begeistert, ein Mensch unverhofft glücklich gemacht und bei uns allen wieder das Bewusstsein geweckt werden für die Kraft, die Bedeutung und Notwendigkeit von Kunst und Kreativität in unserem Leben.

Ende gut alles gut?

Bei aller Twitter-Märchenseeligkeit möchte ich zum Schluss noch eine kleine Nebenbemerkung aus dem Washington-Post-Artikel erwähnen: Die Kostümbildnerin der Washington National Opera freut sich sehr, die Gewinnerin einkleiden zu können. Sie erhofft sich dadurch ein bisschen gutes Karma, da sie gerade erfahren hat, dass ihre Abteilung aufgrund der mageren Einspielergebnisse der laufenden Saison verkleinert werden wird …

Wunder geschehen und Märchen mögen ab und zu wahr werden. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, wieder mal eine Eintrittskarte zu kaufen, bevor es demnächst nicht nur keine Opernhäuser mehr gibt.

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