Ohne Sicht …

Notenschlüsselsind meistens die günstigsten Plätze im Konzertsaal, denn die Musik kann man dort „nur“ hören. Obwohl es beim Konzert ja genau darauf ankommt, legen fast alle Besucher Wert darauf, die Künstler auch sehen zu können, denn das Auge isst nicht nur, sondern es hört auch mit. Und sei es auch nur, um bei der Beurteilung des Abendkleids der Sopranistin mitreden zu können.

Davon abgesehen spielt das optische Erleben auf der Bühne natürlich schon eine wichtige Rolle. Es ist wesentlicher Bestandteil der Interaktion der Musiker, die sich untereinander und mit dem Dirigenten per Blickkontakt verständigen. Zusammen einsetzen, zusammen aufhören, überhaupt an der richtigen Stelle einsetzen … das klappt viel besser, wenn man sich kurz zuvor in die Augen sehen kann.

Wer schon einmal in einem Konzertsaal hinter dem Orchester saß und dem Dirigenten zuschauen konnte, wie er den Musikern allein mit Blickkontakt die Einsätze gibt und sie vor besonders heiklen Soli mit freundlich aufmunternder Mimik zu Höchstleistung motiviert, weiß einen Platz mit Sicht auch zu schätzen. Dieses Vergnügen stellt sich allerdings nicht bei jedem Maestro ein. Es gibt Abende, da hat man auf einem Platz ohne Sicht mehr vom Konzert und auch die Musiker würden sich einen solchen dann sicherlich wünschen.

… auf den billigen Plätzen

Die „billigen Plätze“ haben in vielen Fällen auch einen großen Vorteil, denn sie befinden sich im Konzertsaal oft in luftiger Höhe, wo sich der Klang wunderbar mischt. Akustisch handelt es sich daher häufig um die besten Plätze.

Dort versammelt sich zumeist auch ein ganz besonderes Völkchen von Musikliebhabern. Alex Ross beschrieb es kürzlich in seinem Beitrag  „Cheap Seats – The affordable art of concertgoing“ (Billige Plätze – die erschwingliche Kunst der Konzertbesuche) im New Yorker. Er beobachtete z. B. die Besucher der Familienplätze in der Metropolitan Opera:

„Die Konzertbesucher, die auf den billigen Plätzen sitzen, kommen ins Konzert um zu Hören, nicht um zu Sehen. Niemand lächelt geziert, wenn man dort in Sportklamotten aufkreuzt oder wenn das Hemd nicht ordentlich in der Hose steckt. Die Pausengespräche sind gemeinhin intelligenter als auf der Promi-Etage. Ein paar passionierte Fans bringen Klavierauszüge mit.“

„Ohne Sicht“ kann beim Konzertbesuch also auch vorteilhaft und sogar bewusst gewünscht sein.

… im Dunkeln singen

Beim Konzertabend, den die Sopranistin Juliane Banse übermorgen in Zürich gibt, stellt sich diese Frage allerdings erst gar nicht, denn sie singt in der Blinden Kuh und es wird nur Plätze ohne Sicht geben. Die Blinde Kuh war nach eigener Aussage das erste Restaurant, in dem Essen und Kulturveranstaltungen im Dunkeln angeboten wurden, um Sehenden einen Eindruck von der Welt der Blinden zu vermitteln. Das funktioniert bei der Blinden Kuh sogar im Internet.

Was es mit dem Konzert auf sich hat und wie sich Julia Banse und ihr Klavierpartner vorbereitet haben, ist im NZZ-Artikel „Im Dunkeln singen“ von Manfred Papst nachzulesen. Dort verrät sie auch, worauf sie sich schon am meisten freut:

Als Sängerin ärgert man sich ja immer, wenn man, nachdem man stimmlich sein Letztes gegeben hat, das Kompliment bekommt: „Sie hatten ja ein tolles Kleid an“. Das kann einem in der ‚Blinden Kuh nicht passieren.

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