„Die verrückte Teegesellschaft“ hoch drei

„Da geh ich bestimmt nicht wieder hin!“ sagte Alice, während sie den Weg zum Wald einschlug. „Das war die verrückteste Teegesellschaft, die ich je erlebte.“

Dabei hatte es Alice im Wunderland nur mit dem Märzhasen, dem verrückten Hutmacher und der schlafenden Haselmaus zu tun.

Auf der „Teeparty“, die ich besucht habe, tummelte sich dagegen folgende illustre Schar: Peter Maffay, Sebastian Madsen, Götz Alsmann, Stefan Gwildis, Bill Ramsey, Uwe Ochsenknecht, Ben Becker, Sebastian Krumbiegel, Joja Wendt und … OTTO Waalkes! Zusammengetrommelt von Nicola Tyszkiewicz, die ihrem Opa Heinz Erhardt zum 100. Geburtstag ein außergewöhnliches  Ständchen bieten wollte.  Das Außergewöhnliche ist ihr zumindest mit der Auswahl der Gäste gelungen, denn diese „Teegesellschaft“ wird in derselben Formation so schnell nicht wieder anzutreffen sein.

… runde Geburtstage sind gefährlich!

Angesichts dieser Gästeliste war ich  schon ein bissel skeptisch und dachte mir außerdem: Runder Geburtstag und dann auch noch der 100. – Gefahr!

Man kennt das ja: Es kommt nicht nur die „liebe Verwandtschaft“, sondern auch der Bürgermeister, der Landrat, der Sparkassendirektor und der junge Kommunalpolitiker und die müssen oder wollen alle eine Rede halten – Alarmstufe rot!!! Und was soll ich sagen: es fing auch genauso an.

Einige Vortragende waren sichtlich von Unwohlsein befallen und versuchten tapfer durchzuhalten. Andere hatten sich in ihr Schicksal ergeben und wieder andere, den Komiker eingeschlossen, lieferten ihre Beiträge routiniert ab. So weit, so bekannt. Alles hübsch und „die Musi“ in Gestalt der NDR Big Band spielte auch durchweg sehr schön dazu.

„ich könnte ja jetzt mal kurz verschwinden“

Irgendwann begann ich aber, auf dem Stuhl hin und her zu rutschen und verstohlen auf die Uhr zu schauen. Jetzt müsste langsam mal jemand aufkreuzen, der die dösende Stimmung mit einem Schlag rumreißt. Und das passierte dann zum Glück auch.

Gleich zweimal gelang das Stefan Gwildis, dem offensichtlich die Vorlagen des Jubilars ganz besonders gefielen und der ihnen seine ganz persönliche Note zu verleihen vermochte. Dann schneite plötzlich Ben Becker vorbei, der Sebastian Krumbiegel (ja genau, einen der „Prinzen“-Sänger) als Pianisten im Schlepptau hatte. Auch sie überraschten und trafen ins Schwarze. Schließlich war da noch jemand, der in seiner Hommage einfach „Opa pur“ zum Besten gab: Joja Wendt mit zwei Klavierkompositionen von Heinz Erhardt. Ganz zum Schluss gab’s noch einen Schuss internationalen Touch und es wurde mit Duncan Townsends englischer Version des „kleinen Engels“, einem Schlaflied komponiert von Erhardt für seinen Enkel Paul, unvermittelt ganz besinnlich.

Plötzlich war alles vorbei und mir gings wie Alice:

Die ganze Chose war verrückt und manche Einlagen wollten keinen rechten Sinn ergeben.

… jedem eine zweite Chance

Trotzdem „bin ich wieder hingegangen“ und hab mir die Tribute-CD noch mal angehört. Allein, mein Eindruck verstärkte sich nur:

Peter Maffay schwebt mit „seinem Mädchen“ in psychedelischen Sphären als hätte er zu lange an Alices „Trinke mich!“-Flasche genippt und für Sebastian Madsen scheint die Erhardtsche Art und Weise sich zu fragen „Bin ich verliebt?“ aus einem schon sehr lange zurückliegenden Jahrhundert zu stammen.

„Fräulein Mabel“ war zuletzt vor sechs Jahren bei Götz Alsmann in sehr guten Händen und er brachte seine „süße kleine Freundin“ damals richtig in Schwung. Nun hat sich Mabel wieder einem reiferen Jahrgang in Gestalt des gemütlichen Bill „Mr. Wumba Tumba Schokoladeneisverkäufer“ Ramsey zugewandt. Wahrscheinlich fährt Alsmann deshalb hektisch mit der Straßenbahn und erzählt uns atemlos von seiner neuen Flamme. Beide Interpretationen sind leider kein großer Gewinn für Erhardts Schöpfungen.

Die Tippmamsell aus der „Luisenstraße 13“ wurde von Hanns Dieter Hüsch und auch Götz Alsmann (mit seinem offensichtlichen Hang zu Erhardts geistigen Töchtern) schon so glaubhaft angeschmachtet, wie Uwe Ochsenknecht das bei bestem Willen niemals hinbekommen wird und auch „Das Märchen vom Muselmann“ lasse ich mir beim nächsten Mal lieber wieder von seinem Verfasser selbst erzählen.

Lobend hervorzuheben sind allein die Überraschungsknaller:

  • Stefan Gwildis, der mit Erhardts Lyrik offensichtlich sehr viel anfangen kann. Schon beim „Lehn-Lied“ ist er ganz in seinem Element. Und bei „Der Einsame (Abend)“ habe ich das Gefühl, das Lied ist für ihn gemacht, das hat er ganz und gar verinnerlicht und er zaubert daraus eine seiner genialen Soul-Interpretationen. Bei anderer Gelegenheit gespielt, würde niemand ahnen, wem wir diese Lieder zu verdanken haben.
  • Erfrischend ist es auch, dem Duo Becker/Krumbiegel beim Versuch, sich nicht aufzuregen zuzuhören und
  • Joja Wendts Üben des „sauschweren“ Erhardt Klavierstücks Perpetuum mobile hat sich ebenfalls ausgezahlt.

… aber dann ist auch gut

Ich will niemanden abhalten, sich selbst auf den Weg ins Wunderland zu machen. Zur Komplettierung einer Erhardt-Sammlung mag diese Tribute-CD sich anbieten. Ihr Erwerb schließt im Übrigen auch noch eine Making-of-DVD ein, die allerdings zu meiner großen Enttäuschung nicht über das hinaus geht, was es ohnehin im Internet bereits zu bestaunen gibt.

Allen anderen, die den Komponisten Erhardt kennenlernen möchten, kann ich nur den Tipp geben: haltet euch an das Original. Guter Wille alleine reicht eben meistens nicht oder wie schon Duke Ellington und Irving Mills erkannt haben: „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing“

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