Buchmarketing zum Mitmachen … (?!?)

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT habe ich diese Anzeige von trnd.com gelesen, über die ich in tiefes Grübeln verfallen bin: Marketing zum Mitmachen. Buchkritiker gesucht

„Demnächst können Sie bei trnd auch neue Bücher testen. Wenn Sie Lust haben, gemeinsam mit uns neue Bücher unter die Lupe zu nehmen (oft noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum), dann melden Sie sich an. Wir suchen ZEIT-Leser/innen für diese Projekte.“

Da ich von ‚trnd‘ noch nie gehört hatte, habe ich versucht, mich über die bisherigen Projekte ein wenig schlau zu machen. Bei trnd selbst wird man nicht müde zu beteuern, wie viel Spaß es macht, den Entwicklungsabteilungen großer Markenfirmen die Arbeit abzunehmen (Auszug aus den FAQs):

trnd ist das Ende von nerviger Werbung. trnd ist eine neue Form, wie wirklich gute Produkte, Trends und Services bekannt werden. Dazu wählen die trnd Mitglieder ausschließlich die Produkte aus, die sie interessieren. Diese Produkte testen sie dann. Und wenn sie davon überzeugt sind, erzählen sie einfach Ihren Freunden davon und machen das Produkt bekannt – die gute, alte Mundpropaganda. Alles freiwillig, ohne Kosten und mit viel Spaß.

Biggi hat auch schon mitgemacht, sich nach dem ersten Test aber gleich wieder abgemeldet, weil es ihr zu stressig war, dauernd den zu schreibenden Bericht im Nacken sitzen zu haben.

Wat soll dä Käu? (§ 9 Rheinisches Grundgesetz )

Überzeugt hat mich das, was ich gelesen habe, alles nicht. Und jetzt darf ich „demnächst“ neben Zahnpasta, Nasenstrips und Anti-Age-Creme auch Bücher „testen“ und die Rezensionen mit ebensoviel Spaß aus dem Ärmel schütteln.

Prima! Ich glaube, schon beim Testen würde der Spaß wesentlich länger dauern als bei einmal Faltencreme auftragen, zweimal Zähne putzen oder dreimal Nasenstrips aufkleben. Und dann kommt ja noch die Spaß-Zeit dazu, während derer ich in mehr als einem Satz zusammenfasse, wie mir das Buch gefällt. Naja, selbst wenn der Spaßfaktor sich in Grenzen hielte oder gar abnähme, ich würde doch immer noch „helfen, etwas Neues zu schaffen“ …

Neues? Was habe ich dann bisher gemacht, wenn ich freiwillig und kostenlos Rezensionen verfasst und bei der großen Internetbuchhandlung mit A veröffentlicht habe? Da konnte ich doch schon immer Mundpropaganda machen für Bücher, die mir gut oder gar nicht gefallen … Hmmm.

Und – um mit R. D. Precht zu sprechen – wem helfe ich da eigentlich und wenn ja, wobei? Für die „Entwicklungsabteilung“ der Bücher hatte ich bisher die Lektorate in den Verlagen gehalten. Helfe ich denen mit meinen Rezensionen? Oder helfe ich dem Marketingleiter, der mit den trnd-Rezensionen zur Lektorin gehen und sagen kann: „Siehste, die trnd-Community findet das uncool und sagt, das interessiert sie nicht. Also, nimm’s raus aus dem Programm“?

Möchte mir jemand auf die Sprünge helfen?

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6 Antworten zu “Buchmarketing zum Mitmachen … (?!?)

  1. Ich kann das gern versuchen. Bei trnd wollen wir zwei Dinge verbinden: zum einen geben wir Leuten, die sich wirklich für bestimmte Produkte interessieren, die Möglichkeit, diese exklusiv und kostenlos zu testen. Manch einer begeistert sich total für Weichspüler. Andere wollen eine Playstation 3 testen. Und wieder andere lesen gern Bücher. Das kann man bei uns kostenlos. (Und das ist dann auch ein Unterschied zu dem Buchhändler mit dem A – denn da gibt’s die Bücher ja nicht kostenlos.)

    Im Gegenzug bitten wir dann freundlich darum, ein wenig Unterstützung zu leisten – 1., indem man Fragen beantwortet und uns Berichte schickt – dazu, was andere von dem jeweiligen Produkt halten. 2., indem man das Produkt vielleicht im Freundeskreis bekannt macht, wenn man davon überzeugt ist. Die gute alte Mundpropaganda.

    Die Idee dabei ist, dass auf diese Weise zwei Dinge ineinander fließen: Marktforschung und Marketing. Anstatt noch zwei Millionen mehr in irgendwelche Werbespots zu kippen, versuchen wir die Unternehmen davon zu überzeugen, die Produkte lieber an solche Leute zu verteilen, die sich wirklich dafür interessieren. Und die dann in ihrem Bekanntenkreis viel glaubwürdigere Kommunikation machen als es ein Werbespot kann. Weil sie zum Beispiel Vor- und Nachteile der Produkte kennen und vermitteln können. Außerdem können diese Leute die Produkte auf Herz und Nieren testen und damit ein viel intensiveres Feedback geben, das wir dann am Ende des Projektes oder bereits während der Projektlaufzeit an das Unternehmen weitergeben. Bislang ist es dabei noch so, dass das Feedback erst nach und nach umgesetzt werden kann. Mittelfristig wollen wir aber dahin kommen, dass wir wirklich gemeinsam dem Unternehmen helfen können, Produkte wirklich zu verbessern. Die Industrie ist da in mancher Hinsicht noch nicht ganz so weit. Aber wir bemühen uns darum.

    Zum Abschluss: wenn Du trnd trotz all dem blöd findest, dann ist das natürlich Dein gutes Recht. Bei uns soll nur mitmachen, wer Lust dazu hat. Es ist ja alles freiwillig und kostenlos.

    • Lieber Martin, danke für deine ausführlichen Erläuterungen was das Produkttesten angeht. Wie ihr euch das mit den Büchern vorstellt, habe ich aber immer noch nicht verstanden. Welche Genres sind da „im Angebot“ und was soll ich „auf Herz und Nieren“ prüfen? Alles von der Schriftgröße über die Ausstattung bis zum Inhalt? Wenn ich z. B. gerne Kinderbücher lese, kann ich dann sagen „das Buch ist zu gruselig“ oder „es hat zu wenig oder zu viele Bilder“? Und wie können wir wirklich gemeinsam mittelfristig dem Verlagsunternehmen helfen, die Bücher wirklich zu verbessern? Das würde mich wirklich interessieren!

  2. Natürlich funktioniert die Sache bei Büchern anders als bei einer Zahnpasta. Wir können nicht gemeinsam an „Produktinnovation“ arbeiten. Aber in der Einladung steht ja auch ganz deutlich: „[…] interessiert uns Ihre ehrliche Meinung: Wie finden Sie das Buch? Würden Sie das Buch weiterempfehlen? Wie würde Ihre persönliche Rezension aussehen?“

    Grundsätzlich geht es uns darum, auch für die Literaturbranche den „Rückkanal“ zu öffnen. Damit auch hier ein echter Dialog zwischen Verlegern und Lesern entstehen kann. Warum haben nur die „offiziellen“ Kritiker eine Stimme, die gehört wird? Welches Unternehmen kann nicht davon lernen zu erfahren, was seine Kunden sagen – in diesem Fall: wer welche Bücher gern liest und warum? Wo hat hat man sonst die Möglichkeit, seine Meinung an den Verlag loszuwerden?

    Wir wissen jetzt auch noch nicht, welche Ergebnisse genau daraus entstehen können. Was wir aber wissen ist, dass es immer besser ist, wenn ein Unternehmen seinen Käufern zuhört und an ihren Gesprächen Anteil nimmt. Auch dann, wenn das Unternehmen Bücher herstellt. Und es kann nie schaden, wenn ein Verlag erfährt, welche Gespräche zu seinen Büchern entstehen und was die Leser davon halten.

    Außerdem ist es aus Sicht der Leser vielleicht auch nicht schlecht, frühzeitig in den Genuss von neuen Büchern zu kommen, noch bevor sie auf den Markt kommen, oder?

    Wir wollen, dass Marketing nicht mehr allein mit der massenmedialen Keule stattfindet, sondern dass Fans an Produkte kommen können, über die sich zu reden lohnt. Auf eine Art und Weise, dass alle etwas davon haben. Das ist der Grund warum wir trnd 2004 gestartet haben, und wir wollen diesen Ansatz nun auch bei Büchern verfolgen.

    Wenn Du das nicht für sinnvoll hältst und sagst „der Verlag macht seinen Job, ich lese die Bücher, Feedback geben oder Exemplare frühzeitig lesen interessiert mich nicht“, dann ist das, wie schon gesagt, Dein gutes Recht.

    Was die Genres betrifft – wir planen ein Projekt grade mit einer größeren Verlagsgruppe, die sehr verschiedenen Genres bedient. Die Hoffnung ist, dass für jeden was dabei ist.

    • Danke für die weiteren Erläuterungen, Martin. Etwas verstehe ich immer noch nicht: was soll der zwischen Verlegern und Lesern hergestellte Dialog bewirken? Verleger haben in aller Regel ein Konzept, welche Bücher sie für welche Zielgruppe veröffentlichen wollen – gewinnbringend natürlich. Ob ihre Themenauswahl und ihre Bücher gefallen, sehen sie daran, wie die Bücher sich verkaufen oder eben nicht. Das merkt der Verleger natürlich erst nachdem die erste Auflage in welcher Höhe auch immer gedruckt ist. Als trnd-Rezensenten sollen wir jetzt rückmelden, was uns gefällt und was nicht. Darauf reagiert der Verleger und dann lesen wir „Buchfans“ sagen wir in ein paar Jahren (so lange können Buchproduktionszyklen dauern) die Bücher, die uns zu diesem Zeitpunkt aber dann vielleicht schon nicht mehr interessieren? Oder druckt der Verleger in Zukunft erst einmal eine entsprechende Rezensionsauflage, lässt die vor der Veröffentlichung testen und kann sich dann noch gegen eine Veröffentlichung entscheiden? Könnte ich dann mithelfen, dass die nächste trnd-vorrezensierte Dieter-Bohlen-Biografie gar nicht erst in Druck geht?

  3. Ahoi! Noch zu Deiner Frage „was soll der Dialog bewirken?“: na im besten Falle genau das, was Dialog auch sonst bewirkt, bzw. bewirken soll ;)

    Grundsatz von trnd ist, dass wir Fans mit Unternehmen ins Gespräch bringen. Bei einem Dieter-Bohlen-Buch würden sich Dieter-Bohlen-Fans anmelden, bei einem Buch über Barockmusik-von-Telemann-bis-Händel würden sich Barockmusik-Fans anmelden. ***** *** *****.

    Im Verlauf eines Buchprojekts könnte man dann vielleicht über diverse Ausstattungsmerkmale diskutieren und abstimmen: über Buchcover, Klappentext, die Marketingkampagne, etc. Bei Sachbücher-Neuausgaben kann man sich auch an den Inhalt rantrauen: so hatten wir für die überarbeitete Ausgabe eines Marketingbuchs schon mal neue Case-Studies gemeinsam mit vielen Lesern gesucht. Wie weit man diese „Zusammenarbeit“ (gerade bei Belletristik) treiben kann, wird sich zeigen.

    Im Konsumgüterbereich sammeln wir seit dem Jahr 2005 Erfahrungen, wie sich der Dialog Fan-Unternehmen starten und ausbauen lässt. Im Buchbereich stehen wir noch ganz am Anfang. Insofern werden wir mehr wissen, wenn wir die ersten „richtigen Buchprojekte“ erlebt haben. Und dabei würden wir uns natürlich ganz besonders freuen, wenn Du dabei bist … wenn es nicht gerade ein Dieter-Bohlen-Buch ist ;)

    Edit: Falls gerade kein Geschichtsbuch zur Hand ist, hier steht, was es mit diesem Satz auf sich hat.

    • Sorry, aber eure Antworten wirken auf mich sehr unausgegoren. Ich lasse mich aber gerne überraschen, ob was daraus wird.

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