Das listige Gedicht …

Heute, an seinem 135. Geburtstag, würde ich den amerikanischen Dichter Robert Frost zu gerne fragen:

„Mr. Frost, wie finden Sie es, dass eines Ihrer bekanntesten und beliebtesten Gedichte, „The Road Not Taken“, in einem Werbespot zitiert wird? Sind Sie damit einverstanden, dass der Autohersteller Ford sich Ihre poetischen Gedanken zu eigen macht, um in Amerika seine Autos zu verkaufen?“

Was würde er wohl antworten?

Würde er es genauso pragmatisch sehen wie meine Kollegin Elke? Würde er sich freuen, dass auf diese Art und Weise noch mehr Menschen mit seinem Gedicht in Berührung kommen? Es gehört ja in Amerika ohnehin zum High-School-Unterrichtskanon und zählt sicherlich zu den am häufigsten interpretierten Gedichten.

Oder würde er sich mittlerweile darüber amüsieren, dass niemand die zugrundeliegende Ironie wahrnimmt, auf die er zu Lebzeiten vergeblich hingewiesen hatte: „You have to be careful of that one; it’s a trick poem – very tricky.“

Worum geht es beim nicht genommenen Weg?

Ein Waldspaziergänger muss sich an einer Weggabelung für einen von zwei Wegen entscheiden. Er schaut sich den einen an, so weit sein Auge reicht, und entscheidet sich dann für den anderen, der ihm als der weniger oft betretene erscheint. Von dieser Begebenheit erzählt er uns nach Jahren mit einem Seufzer:

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

„Mit einem Seufzer werde ich nach ewiger Zeit nun Folgendes erzählen: Zwei Wege teilten sich einst im Wald, ich nahm den weniger benutzten und das hat den ganzen Unterschied ausgemacht.“

Laut Interpretation des Literaturkritikers Laurence Perrine wäre die „Wahl des Weges“ als Symbol für all die Entscheidungen zu verstehen, bei denen wir nicht wissen, welche von zwei gleich attraktiven Alternativen wir wählen sollen. Worin ihr Unterschied liege, könnten wir erst in der Rückschau, zu einem späteren Zeitpunkt, anhand der zwischenzeitlich gewonnenen Lebenserfahrung erkennen und beurteilen [vgl. Hodgins/Silverman, Adventures In American Literature, New York 1980, S. 631 ].

Vordergründig liegt die Deutung nahe, den weniger ausgetretenen Pfad zu nehmen, sei die richtige Wahl, denn dies scheint das lyrische Ich mit einem Seufzer nach Jahren festgestellt zu haben.

Wenn das die Botschaft ist, will Ford vermutlich sagen: „Auch wenn du den Unterschied zu anderen Autos jetzt noch nicht erkennst, entscheide dich für den Ford. Der ist auf den weniger ausgetretenen Wegen unterwegs. Sonst wirst du Jahre später seufzen und sagen: Hätte ich damals doch nur den Ford genommen.“

Sieht so aus, oder?

Wo aber steckt denn nun die Ironie, die Frost so sehr am Herzen lag? Was ist so trügerisch an diesem Gedicht?

Das wollte ich doch genauer wissen und habe auf der Internetseite Best of Frost Informationen darüber gefunden, was Robert Frost zu diesem Gedicht inspiriert hat:

Während er in England lebte, spazierte er häufig mit seinem engsten Freund Edward Thomas durch die Landschaft. Sein Freund entwickelte dabei allerdings eine Angewohnheit: Er bedauerte des Öfteren seufzend seine Entscheidung für den Weg, den sie eingeschlagen hatten. Wären sie den „besseren“ gegangen, hätte er Frost sicherlich eine seltene Pflanze oder eine besonders schöne Aussicht zeigen können.

Frost soll sich mehrfach über diese Seufzer und das Bedauern seines Freundes lustig gemacht haben, denn Frost selbst teilte eher die biblische Auffassung, „wer seine Hand an den Pflug gelegt hat, sollte nicht zurückschauen“ [Lukas 9,62]. Deshalb fand er die romantische Haltung seines Freundes verwunderlich und amüsierte sich darüber.

Die Sichtweise seines Freundes einnehmend, schrieb er sein Gedicht, das im Jahr 1915 veröffentlicht wurde. Die Ironie war allerdings zu subtil geraten. Zu seiner großen Enttäuschung wurde sie weder von seinem Freund noch von seinen Lesern je entdeckt. Auch nicht, als er bei Lesungen begann, sein Gedicht explizit ein „trick poem“ zu nennen.

Warum der Seufzer?

Eine Schülerin habe ihm einmal einen Brief geschrieben und gefragt: „Warum der Seufzer?“ Genau in dieser guten Frage liege bereits die Antwort, deutete Frost an.

Warum seufzte sein Freund? Die Spaziergänge waren ja nicht weniger schön, weil sie nur einen Weg nehmen konnten und dadurch vielleicht andere Dinge verpassten. Ob man den mehr oder weniger bewanderten Weg nimmt, spielt letztlich keine Rolle.

Ich kann die letzten Zeilen auch so lesen:
„Zwei Wege teilten sich einst im Wald, ich nahm den weniger benutzten und das war auch schon der einzige
Unterschied.“

Frost sagt schlicht: Triff deine Entscheidung, stehe dazu, schau nicht zurück.
Warum seufzen? Dass man eine Entscheidung fällt, macht den Unterschied aus. Nicht welche. Letztlich spielt es keine Rolle, ob man den linken oder rechten Weg, den ausgetreteneren oder den weniger bewanderten Weg nimmt.

Jetzt gefällt mir der Werbespot schon fast wieder, denn im Sinne des Verfassers würde er bedeuten: ob du einen Ford oder ein anderes Auto kaufst, ist letztlich egal. Und das wiederum würde von einer sehr großzügigen Haltung im Hause Ford zeugen.

Vielleicht beginnt Robert Frost nun doch noch zu seufzen. Weil sein feiner, verdeckter Spott ein weiteres Mal unentdeckt blieb …

Ist wieder alles in Ordnung?

Tief in meinem Herzen gefällt mir die Kommerzialisierung des Gedichts dennoch nicht. Die Beschäftigung mit Kunst in jeglicher Form ist wichtig und bereichernd für alle Menschen. Aber sie sollte nicht „en passant“ stattfinden. Sie verdient Vertiefung. Und ich finde Gedichte zu schade dafür, als „Kauf mich!“-Aufkleber auf einem Produkt zu landen. Ich möchte nicht, dass alles unter die Räder kommt, was bei irgendjemandem den Anschein erweckt, dem Verkauf eines Produktes nützen zu können.

In Deutschland ist im Rahmen des Urheberrechts festgelegt, dass künstlerische Werke erst 70 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers frei zitierbar werden. In den USA gilt: All copyrightable works published in the United States before 1923 are in the public domain [Quelle: Wikipedia].

Frosts Gedicht aus dem Jahr 1915 gehört nach US-amerikanischem Copyright zum frei verfügbaren Gemeingut. Leider, möchte ich hinzufügen.

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2 Antworten zu “Das listige Gedicht …

  1. Au weiha, das hat man davon, wenn man per Feedreader zuerst den jüngeren Beitrag liest, dort antwortet und danach erst entdeckt, dass es da noch was vorher gab …

    Das mit dem Copyright ist sehr interessant, wusste ich nicht. Deinen Argwohn kann ich nachvollziehen, deine Zweifel an der Lauterkeit der Werbekampagne auch. Und muss trotzdem dagegen argumentieren. Denn die wirklich guten Gedichte, gute Musik, guten Geschichten, die können gar nicht unter die Räder kommen. Weder von den Rädern der Werbeindustrie zermalmt werden noch in den Flammen einer Ideologie verbrennen. Die bestehen Feuer und Eis, ;-)
    Und ich bleibe dabei: Wenn sich aufgrund der Werbekampagne 5 Menschen ein Buch von Robert Frost kaufen, 10 Menschen darüber zu diskutieren anfangen, diese 15 Menschen jemand anders davon erzählen oder ein Gedicht weiterschicken und und und …
    dann ist es mir total egal, ob Ford damit nun ein einziges oder 100 Autos mehr verkauft. Was ich im Übrigen stark bezweifle. Denn diese Werbung ist wohl mehr als Image- denn als Produktwerbung zu verstehen. Was natürlich kein Gegenargument für dich ist, ist mir klar. :-)

    • >Was natürlich kein Gegenargument für dich ist, ist mir klar. :-)
      Richtig. Ich bleibe auch dabei: Ford verwendet dieses Gedicht eines der größten Poeten des Landes als Imagepolitur und wertet sich dadurch völlig ungerechtfertigt auf. Auch als „Zugang zur Kultur“ schmeckt es mir nicht. Es ist doch gerade das Traurige, dass Kultur/Kulturveranstaltungen heutzutage immer öfter überhaupt nur noch durch Firmensponsoring möglich sind. Egal ob ich zum Literaturfestival, in die Oper oder ins Theater gehe, überall prangen mir Firmenlogos entgegen und überall sollen mir die Firmen als großzügige Mäzene in Erinnerung bleiben, wenn ich vor der nächsten Kaufentscheidung stehe. Für die Firmen ist das eine günstige Marketingmaßnahme mit großem Imagegewinn. Aber: Wer die Musik bezahlt, der bestimmt auch, was sie spielt …

      Dabei bedauere ich besonders, dass keinerlei Austausch zwischen Kunst und Kommerz stattfindet. Die Kunst „hängt am Tropf“ und kann bald nur noch durch den Kommerz existieren, die Ideen und die kreative Energie, die die Kunst freisetzt, finden aber leider keinen Eingang in das Denken und Handeln der Unternehmer. Aber vielleicht will Ford uns ja darauf vorbereiten, dass die Produktion auf Wanderschuhe umgestellt wird … ;-)

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