Sprachparadies Justizministerium …

„Hahaha, toller Aprilscherz!“, dachte ich mir angesichts der Überschrift „Sprachwissenschaftler sollen deutsche Gesetze verständlicher machen“. Aber wieso steht der schon heute in der Zeitung? Das ließ mich stutzen und schließlich staunen:

Unsere Justizministerin verkündet folgende Erkenntnis, nachdem sie sich in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen des Modellprojekts „Verständliche Gesetze“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache beraten ließ:

Das Projekt hat bewiesen, dass Gesetze selbst bei engen Zeitvorgaben sehr viel besser formuliert werden können, wenn sprachwissen­schaftlicher Sachverstand – fachlich und juristisch neutral – herangezogen wird.

Ach! Tatsächlich? Das ist ja interessant! Und das war noch nicht die einzige Entdeckung:

Eine wesentliche Erkenntnis ihrer Arbeit [die der Gesellschaft für deutsche Sprache, die mit der Redaktionsarbeit betraut wurde] ist, dass Sprachberatung einsetzen muss, solange ein Gesetzentwurf noch veränderbar ist – das heißt möglichst frühzeitig und nicht erst kurz vor Einbringung in den Bundestag.

Voraussichtlich würde das zusätzlich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Abgeordnete Gesetzestexte, über die sie abstimmen sollen, auch verstehen.

Und jetzt schreitet Frau Zypries nach nur zweijähriger Pilotprojektzeit sofort zur Tat und richtet ab dem 1. April einen „Redaktionsstab Rechtssprache“ ein.

Na, das lässt doch hoffen, oder?

Moment, da steht doch noch was:

Sie hat mit ihrem Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag seit mehr als 40 Jahren Erfahrung mit der sprachlichen Prüfung und Bearbeitung von Gesetzentwürfen gesammelt.

„Sie“ ist hier wieder die Gesellschaft für deutsche Sprache. Und der „Redaktionsstab beim Deutschen Bundestag“ wurde tatsächlich bereits im Jahr 1966 unter dem damaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier eingerichtet.

Warum wir bisher von der Arbeit dieses „Stabes“, der aus zwei halben Stellen gebildet wird, nicht viel bemerken konnten, erläutert die Stabsleiterin in einem Deutschlandfunk-Beitrag, in dem Sie uns auch einen kurzen Einblick in ihren Arbeitsalltag gewährt:

Das interessante an diesem Projekt war, dass der zuständige Referent uns eingeladen hat und gesagt hat, zwei Stunden Zeit schneide er sich aus den Rippen, um sich unsere sprachlichen Korrekturen anzuhören, zu diskutieren. Und aus diesen zwei Stunden sind dann mehrere Tage geworden mit Sitzungen von morgens bis abends, weil er gemerkt hat, dass es mit zwei Stunden eben nicht getan ist. Aber – Gott sei dank – der entsprechende Referent auch Blut geleckt hat, weil er gemerkt hat, wenn ich eine sprachliche Verbesserung bringe, mache ich das, was ich inhaltlich regeln will, auch transparenter, auch klarer, und dann bereit war, mehr als zwei Stunden zu investieren.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen …

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