Happy Birthday, Coco!

„Wer den Swing in sich hat, ob er im Saal steht oder auf der Bühne, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.“

Dieser Satz stammt vom Jazzgitarristen Heinz Jakob „Coco“ Schumann, der gestern Abend in der Berliner Bar Kadima in seinen 85. Geburtstag hineinfeiern konnte.

090514Natürlich kann man mit Swing im Blut nicht marschieren, denn der Marschmusik – „Eins, zwo, drei, vier“ – setzt der Swing seine Betonung des zweiten und vierten Taktschlags entgegen. Grund genug für die Diktatoren des Dritten Reichs, diese Musik zu verbieten ächten und ihre Anhänger als „Tangobubis“ zu diskreditieren.

Coco Schumann nennt den Swing „die Welt, in der meine Seele zu Hause ist“. Diese innerste musikalische Heimat sicherte ihm das Überleben der Nazi-Diktatur und das Weiterleben – trotz anhaltender Anfeindungen und Drohungen Ewiggestriger – bis zum heutigen Tag. Erst Ende der 90er-Jahre erzählte er erstmals seine Lebensgeschichte, die im sehr bewegenden Buch „Der Ghetto-Swinger – Eine Jazzlegende erzählt“ festgehalten ist.

Ein Buch, das mich ebenso erschüttert und beeindruckt hat wie die Doppel-CD „Coco Schumann: Double – 50 Years in Jazz“, die sein musikalisches Leben widerspiegelt und auf der sich eine kurze Originalaufnahme der „Ghetto-Swingers“ aus dem Propagandafilm „Theresienstadt“ ebenso findet wie die „Señorita de la Mambo“ …

Seit dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren, muss er sich selbst um seinen Haushalt kümmern und kommt nur noch abends zum Üben. Es hält ihn jedoch nichts davon ab, seine Finger geschmeidig zu halten, um mit seinen jüngeren Bandkollegen mithalten zu können:

„So lange ich Musik mache, habe ich keine Zeit, alt zu werden – altes chinesisches Sprichwort von Coco Schumann“.

So beendete er das Interview, das die WDR5-Sendung „Scala“ heute anlässlich seines Geburtstages ausstrahlte.

Ich gratuliere und ziehe den Hut vor diesem bewundernswert fröhlichen Menschen und Musiker!

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Nachtrag: Tja, da hätte ich besser recherchieren müssen, denn leider bin auch ich dem landläufigen Irrtum des Jazzverbots durch die Nazis aufgesessen, auf den Götz Alsmann in einem Interview mit der Mainpost aufmerksam macht:

Das Jazzverbot ist ein populärer Irrtum. Die Nazis haben Jazz und Swing verfemt, aber als Kulturbanausen wussten sie nicht wirklich, was das war. Eigentlich ging es ihnen darum, englischsprachige Musik loszuwerden. Bis Ende 1944 wurden jedenfalls noch viele Jazz- und Swing-Platten in Deutschland aufgenommen. Die Stücke hießen natürlich nicht „St. Louis Blues“, sondern „Der blaue Ludwig“. Es ist weithin bekannt, dass Goebbels privat ein großer Freund der Swingmusik war, die er offiziell verdammt hat.

Asche auf mein musikwissenschaftliches Haupt …

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