Bewegte Geschichte(n) eines weißen Pferdchens

Foto: Maren Beßler/pixelio

© Maren Beßler/pixelio

Das „weiße Rössl“ ist innerhalb der letzten Monate zweimal durch meine virtuellen Schlagzeilen galoppiert und da es so offensichtlich nach meiner Aufmerksamkeit verlangt, habe ich ein wenig Zeit mit ihm verbracht.

Mitte März habe ich mich über die Nachricht „Original-Orchesterstimmen des ‚Weißen Rössl‘ aufgetaucht“ gefreut. Was für ein Zufall, dachte ich. Da wird seit Jahren nach dem Orchestermaterial gefahndet und durch eine simple Anfrage bei allen Theatern, an denen die Operette in den 1930er Jahren aufgeführt wurde, kommen sie auf einmal in Zagreb wieder zum Vorschein. Wie schön, sogar das Ur-Rössl lebt und kann bald wieder auftreten!

Das hat mich deshalb gefreut, weil die kabarettistische, ironische Urfassung dieser Operette, deren Name heute eher Assoziationen an Maria Hellwig weckt, überhaupt nicht darauf angelegt war, folkloristisch daherzukommen. Was Kennern und Liebhabern spätestens seit der 1994er Aufführung in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ und der darauffolgenden musikgeschichlichen Aufarbeitung bekannt ist. Wer die Operette nicht kennt und wissen will, worum es geht, dem gibt der Verlag kurz und knapp Auskunft über Handlung und Komponist.

Nach dieser frohen Botschaft trabte Ende März plötzlich ein lahmendes Rössl durch den Kulturteil der NZZ. Es kam unter der Überschrift „Stadt ohne Seele – Das ‚Weisse Rössl‘ ist bedroht“ daher. Nanu, eben noch auferstanden, jetzt schon wieder todgeweiht? Was passiert denn da?

Des Rätsels Lösung: Beim bedrohten ‚Weißen Rössl‘ handelt es sich um ein Lokal. Allerdings keins von den gefühlten tausend Namensgleichen, die sich nicht nur im Salzkammergut befinden. Auch nicht um das Ur-Lokal, in dem die literarische Lustspielvorlage zur Operette entstanden ist. In Gefahr ist das Restaurant „Weißes Rössl“ im jüdischen Viertel von Shanghai, das aufgrund einer vermeintlich notwendigen Straßenverbreiterung der Abrissbirne zum Opfer fallen soll.

Na und? Das ist doch eine ähnliche Kategorie wie der berühmte Sack Reis, oder? Es ist doch schließlich eine „chinesische Angelegenheit“, wie die Shanghaier mit ihrem „Klein Wien“ genannten Viertel umgehen, das sie vor vier Jahren noch unter Denkmalschutz gestellt und zum Teil saniert haben. Das einstmals den vor dem Naziterror geflüchteten europäischen Juden ein Zufluchtsort war und bisher als anziehende Touristenattraktion dienen durfte.

Vor dem Hintergrund der wiederentdeckten Originalstimmen der gleichnamigen Operette empfinde ich die Geschichte des Shanghaier Lokals dennoch ein wenig als Ironie des Schicksals – wie gewonnen, so zeronnen …

Die Freude über die Wiederentdeckung der Rössl-Orchesterstimmen ist ja auch deshalb so groß, weil den jüdischen Co-Autoren nun späte Anerkennung widerfahren kann. Die Operette kann nun tatsächlich wieder so gespielt werden, wie ihre Schöpfer es vorgesehen hatten. Trotz des Handlungsortes St. Wolfgang und der Trachtenkostüme war sie nämlich kein seichter, walzerseliger Volksschwank.

Sie war frech und frivol. Eine Show-Revue mit 250-köpfiger Orchesterbesetzung (zum Vergleich: in einem vollbesetzten Sinfonieorchester spielen heute um die 120 Musiker, in den wenigen Unterhaltungsorchestern, die es noch gibt, etwa 80) inklusive Zithergruppe und Jazz-Combo, was allein schon darauf schließen lässt, dass es im Rössl „g’scheit krachert“ und eher wie bei einem heutigen Weltmusik-Festival zugegangen ist. Grund genug für die Nazidiktatoren, die Aufführungen rasch zu verbieten, ganz abgesehen von den jüdische Autoren, die bei der Entstehung des Rössls mitgewirkt hatten.

Tot zu kriegen war es aber nicht. Gezähmt und gestriegelt wurde es wieder aufgeführt, fünfmal verfilmt und selbst in der modernisierten, geglätteten Filmvariante aus dem Jahr 1960, mit Waltraud Haas als Wirtin Josepha und Peter Alexander als singendem Oberkellner Leopold, blieb das „Weiße Rössl“ erfolgreich.

Die Geschwister Pfister waren vor 15 Jahren die ersten, die versuchten, das wahre Rössl wieder hervorzulocken. Ihre bereits erwähnte legendäre Inszenierung mit Starbesetzung (u. a. Max Raabe, Otto Sander, Meret Becker) ließ erstmals wieder erahnen, dass dieses Stück als spritziges Spektakel gedacht war. Allerdings kann man sich in der heutigen Zeit wirklich nicht mehr vorstellen, dass die „skandalöse Badeszene“ vom schönen Sigismund Sülzheimer (Ursli Pfister) und Klärchen Hinzelmann (Meret Becker) jemals Entsetzen hervorrufen konnte.

Das echte, wahre Ur-Rössl wird nächsten Freitag, am 19. Juni 2009, in einer Aufführung der Staatsoperette Dresden noch einmal auferstehen. Naja, fast zumindest. Ein bissl fasten muss es vorher noch, weil sich heutzutage keine Bühne mehr ein 250-köpfiges Orchester leisten kann, das vor rund 80 Jahren offensichtlich noch üblich war.

Und was wird in Shanghai passieren? Matthias Messmer beschreibt, wie das Rössl-Lokal und das jüdische Viertel in dem es liegt, in Shanghai die Gemüter erhitzen. Autoren, die sich in Zeitungsartikeln für den Erhalt der „Seele der Stadt“ einsetzen, werden angefeindet. Unterstüzter, die das Viertel erhalten wollen, suchen nach ausländischen Investoren und handeln sich dafür wüste Beschimpfungen ein. Auf historisch gewachsene Erinnerungsstätten wird kein Wert mehr gelegt, weil China gerade Gefallen daran findet, sie durch unbelastete „potemkinsche Dörfer“ im Disneyland-Stil zu ersetzen. Ton und Vorwürfe werden schärfer und es scheint, als fange die Rössl-Geschichte in China noch mal von vorne an.

Aber wir wissen ja mittlerweile, dass das weiße Pferdchen sehr zäh ist …

Zum Exilleben in Shanghai sind vor Kurzem auch zwei sehr interessante Bücher erschienen, über die der Berliner Tagesspiegel im Mai berichtet hat:

Ursula Krechel: Shanghai fern von wo. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2008. 503 Seiten, 29,90 €
Stefan Schomann: Letzte Zuflucht Schanghai. Heyne Verlag, München 2208. 239 Seiten, 19,95 €

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