„Sieh einmal, hier steht er …

Pfui! Der Struwwelpeter!

Pfui! Der Struwwelpeter!

… immer noch“, möchte man der Anfangszeile von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter hinzufügen, denn auch im 200. Geburtsjahr seines geistigen Vaters – der heute Geburtstag hat – erfreut sich der unzähmbare Peter größter Beliebtheit.

Erst kürzlich ist eine Neuausgabe im Reclam-Verlag erschienen, die ein sehr lesenswertes Nachwort des Schweizer Germanisten Peter von Matt enthält. Auszugsweise war sein Essay „Das Gegenkind“ bereits im März in der Neuen Zürcher Zeitung als Vorabdruck zu lesen.

Durch ihn habe ich erfahren, dass der Struwwelpeter aus der homöopathischen Auffassung geboren wurde, Gleiches mit Gleichem zu heilen: Hoffmann hatte als Kinderarzt mit dem Umstand zu kämpfen, dass die Eltern unwilligen Kindern gerne mit dem „Onkel Doktor“ drohten, was dazu führte, dass sie große Angst vor ihm hatten und es für ihn als Arzt fast unmöglich war, die vor ihm zitternden Kinder zu untersuchen. Als „Schocktherapie“ ließ er deshalb vor den Augen der zeternden Kinder Zeichnungen des wilden, ungezähmten Struwwelpeters entstehen. Erschrocken und fasziniert von diesem Vorläufer des Zeichentrickfilms, beruhigten sich die Kinder und ließen sich von ihm abtasten.

Von Matt erklärt auch sehr einleuchtend, warum dieses Buch trotz „Sonntagszeichnerei und Sonntagsreimerei“ und der brutal illustrierten Erziehungsmethode „Wer nicht hören will, muss fühlen“ gerade bei Kindern so überaus beliebt ist. Es lässt sie ahnen, dass es eine Gegenwelt gibt zu der Ordnung, zu der sie erzogen werden sollen:

Diese Ahnung können sie weder aussprechen noch grundsätzlich denken. Aber sie begegnet ihnen plötzlich in einem Bild, und das Bild begeistert sie über die Massen. Es hat Schock-Charakter. Es sprengt für einen Moment die Ordnung. Die Erwachsenen setzen es zwar ein, um die Ordnung zu propagieren; die Kinder aber erleben daran, dass es ein Ausserhalb dieser Ordnung gibt.

Auch die Tatsache, dass die Darstellung der drei vorbildlich gesitteten Kinder auf dem Titelblatt des Buches viel gespenstischer wirkt als alle Bilder der folgenden Horrorgeschichten, wäre mir ohne von Matts Hinweis entgangen. So also sollte das Resultat der Kindererziehung aussehen?

Jedes [Kind] ist auf seine Art einsam, obwohl der Himmel Spielzeug regnen lässt. Ernst und allein wird gespielt, ernst und allein am Tischchen gesessen, und der Gang an der Seite der Mutter zeigt keine Kommunikation zwischen den beiden. […] Die lebendigen Tiere, die später so merkwürdig aufmerksam überall zugegen sind, fehlen. Eigentlich müsste dies das Paradies sein, denn es folgen ja lauter Sündenfälle. Aber kann man es einem Kind verargen, wenn es die Sündenfälle erlösender findet als diese trostlose Seligkeit?

Durch diesen Essay habe ich Tief- und Hintergründiges und vieles über die Absurditäten und Traumlogik dieses letztlich doch genialen und wegweisenden Buches erfahren. Erkenntnisse, die wahrscheinlich bereits seit Kindertagen in mir schlummerten …

Wer jetzt noch einmal in Erinnerungen schwelgen möchte, kann den Struwwelpeter nicht nur nachlesen, sondern sich das Buch auf den Seiten des gleichnamigen Museums gleichzeitig auch vorlesen lassen und dabei noch zuschauen, wie dem struwweligen Peter die Haare und Fingernägel wachsen ;-)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s