Johannisnacht (auf dem Kahlen Berge)

Morgen ist Johannistag, auch „Spargelsilvester“ genannt, weil an diesem Tag traditionell die Spargelernte endet. Im Fränkischen wird dies mit der kürzesten Bauernregel beschrieben, die ich kenne: „Kirschen rot, Spargel tot“.

Johannisfeuer Quelle: Wikipedia

Johannisfeuer

Ebenso traditionell wird der 24. Juni als Geburtstag Johannes des Täufers gefeiert, des ersten überregional verehrten Heiligen in der christlichen Kirche. Durch die zeitliche Nähe zur Sommersonnenwende am 21. Juni fanden viele kultische Sonnenwendbräuche Eingang in die christliche „Sommerweihnacht“:

1333 berichtete Petrarca, daß die Frauen in Köln am Johannisabend ihre Hände in den Rhein tauchten und damit alles Übel wegzuschwemmen glaubten. Das seit dem 12. Jahrhundert bezeugte, über ganz Europa verbreitete Johannisfeuer, das verchristlichte Sonnwendfeuer, wurde von Predigern auf Joh. 5,35 hin gedeutet. Im späten Mittelalter wurde auf städtischen Plätzen ein Holzstoß entzündet und umtanzt. […] Das Volk glaubte, daß in der dem Fest vorausgehenden Johannisnacht segensreiche wie auch gefährliche Kräfte wirkten. [dtv Brockhaus Lexikon, Bd. 9, Wiesbaden 1984, S. 94 f.]

Diese gefährlichen Kräfte wirken beispielsweise im Osten, genauer gesagt rund um den Berg Triglav in Slowenien. Dort findet in der Johannisnacht ein Hexensabbat statt. Zumindest in der Vorstellung des russischen Komponisten Modest Mussorgsky:

Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, pflegten die Hexen auf diesem Berge zusammenzukommen, trieben ihren Schabernack und erwarteten ihren Herrn – Satan. Bei seiner Ankunft bildeten sie einen Kreis um den Thron, auf dem er in Form eines Ziegenbocks sass, und sangen sein Lob. [Vorwort zur Studienpartitur, Edition Eulenberg]

Mussorgsky setzte 1867 die Geschehnisse dieser Nacht in der sinfonischen Dichtung „ Johannisnacht auf dem Kahlen Berge“ in Töne. Gänzlich ohne christlichen Einfluss geht es bei ihm allerdings auch nicht zu: Das Läuten einer Kirchenglocke bereitet dem nächtlichen Treiben ein Ende. Eine Aufführung des Werks kam allerdings zu seinen Lebzeiten nie zustande.

Große Bekanntheit erlangte es allerdings vor 69 Jahren durch Walt Disneys (ersten) Konzertfilm „Fantasia“. Besessen von der Idee, klassische Musik einem breiten Publikum zugänglich zu machen, scheute Disney weder Kosten noch Mühen, um seine Idee, Musik sichtbar und Bilder hörbar zu machen, umzusetzen. Seiner treibenden Kraft und den visionären und zeichnerischen Fähigkeiten seiner Mitarbeiter, allen voran Vladimir Tytla, verdanken wir die kongeniale Umsetzung dieser Musik in bewegte Bilder.

Die Disney Version der „Nacht auf dem Kahlen Berge“ folgt allerdings nicht ganz dem vorgegebenen Programm einer Walpurgisnacht. Die Konzentration richtet sich ganz auf die Figur des „schwarzen Gottes“ Tschernobog, einer Gestalt aus der slawischen Mythologie, die den Berg Triglav bewohnt und als Gott des Bösen und des Todes Hexen und Geister beherrscht. Disney lässt Tschernobog bereits während der musikalischen Einleitung auftreten, indem sich aus der Spitze des Berges zuerst seine überdimensionalen Flügel und schließlich seine  ganze Gestalt entfalten. Ab diesem Zeitpunkt beherrscht er die Szene. Nachdem er das Dorf am Fuße des Berges mit seinem Bann belegt hat, erheben sich zunächst die Geister der auf ungeweihtem Boden beerdigten Toten, die wie magnetisiert dem Gipfel des Berges zufliegen. Dann machen sich auch die „Friedhofsgeister“ auf den Weg, bis sich schließlich ein riesiger Zug aus Geistern und Hexen auf dem Weg zum Gipfel befindet. Dort treibt Tschernobog seine Späßchen mit ihnen, bis der Spuk mit dem ersten Glockenschlag sein Ende findet und sich der schwarze Gott, gelähmt durch den Glockenklang, wieder zur Bergspitze zurückverwandelt.

Seine filmische Umsetzung der Johannisnacht lässt Disney nicht allein mit den Glockenschlägen enden, sondern fügt mit seiner gezeichneten Adaption von Franz Schuberts „Ave Maria“ nahtlos noch ein weiteres zeichentrickfilmisches Meisterwerk an. Die Kombination beider Stücke sollte eine synergetische Wirkung erzielen, um durch die Kontrastierung der unterschiedlichen Werke den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Weltlichem und Heiligem, noch dramatischer zum Ausdruck zu bringen. Um den Moment der tiefen Andacht bildlich nachzuempfinden, wurde die Darstellung eines Pilgerzuges gewählt. Aus dem Nebel der ersten Morgendämmerung lösen sich nach und nach Fackeln tragende Nonnen, die sich in Zweierreihe zu einem schier endlosen Zug formieren.

Filmtechnisch wurde mit der Gestaltung dieses Pilgerzuges ein Meilenstein gesetzt. Selbst den Mitarbeitern des Studios erschien es zunächst unmöglich, die extrem langsame Bewegung des Zuges zeichnerisch umzusetzen. Nach Disneys Vorstellungen sollte sich der Zug so langsam bewegen, dass sogar ein Abstand von der Dicke eines Bleistiftstriches schon Sprünge im Bewegungsablauf hervorrief. Außerdem gab es keine Kamera, die während der Aufnahmen langsam und kontinuierlich genug bewegt werden konnte. Es bedurfte mehrerer Anläufe, bis die Szene „im Kasten“ war. Die erste Aufnahme mißlang aufgrund der Wahl einer falschen Linse, eine zweite wegen eines Erdbebens. Erst am Premierentag konnte die letzte Szene in den fertigen Film eingefügt werden.

Dem Disney Studio gelang mit dieser Gestaltung erstmals eine Fusion von Musik und Bild und damit eine Wirkungssteigerung, die durch die getrennte Aufführung der Musik und der Filmsequenzen nie zustande gekommen wäre. Erst durch die Kombination mit diesen Bildern wirkt Mussorgskys Werk derart dramatisch und Schuberts Musik so andächtig. Andererseits kämen die optischen Effekte ohne die musikalischen Grundlagen auch nicht optimal zur Geltung. Durch die Verschmelzung und wechselseitige Befruchtung der beiden Kunstformen wurde aber Disneys Intention erreicht: „You will be able to SEE the music and HEAR the picture“.

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Wer sich noch eingehender mit Johannisbräuchen beschäftigen möchte, kann hier weiterlesen über den JohannistagGedichte, Lieder und sonstige Bräuche und Johannes den Täufer.

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