Die stART09 oder „Wer hat an der Uhr gedreht?“

Seit langem habe ich nicht mehr so ungläubig auf die Uhr geschaut wie an den beiden Tagen, die ich in Duisburg auf der stART09 verbracht habe. Diese Konferenz hat meine Erwartungen weit übertroffen. Ich wusste zwar, dass es jede Menge interessante Vorträge und Workshops geben würde. Sogar so viele, dass ich sie leider nicht alle würde besuchen können. Aber mit der überwältigend positiven Stimmung, die von Anfang an in der Mercatorhalle herrschte, hatte ich nicht gerechnet.

start09

Der immensen Vorarbeit, die das Team der stART09 geleistet hat, ist es zu verdanken, dass mir der Konferenzbesuch eher wie ein großes Familienfest vorkam. Wer wollte, konnte sich bereits lange vor Konferenzstart über die Sprecherinnen und Sprecher informieren und mit ihnen und anderen Konferenzteilnehmern über diverse Kommunikationskanäle in Kontakt treten. Durch die kontinuierlichen Informationen über die Vorbereitungen fühlte ich mich eingebunden in „das große Ganze“, konnte alles nahezu in Echtzeit mitverfolgen und fand mich dank diverser Hinweise und Fotos im Vorfeld auch vor Ort gleich wunderbar zurecht.

Die Begeisterung und Hingabe mit der die Konferenz vorbereitet worden war, blieb beim stART-Team auch an den beiden Konferenztagen spürbar und hat sich offensichtlich auf die meisten Teilnehmer übertragen. So wurde aus dem Wunsch, den  Kontakt zwischen Kulturschaffenden und Internetexperten anzubahnen und einen befruchtenden und bereichernden Austausch zu ermöglichen, Wirklichkeit und ich konnte Zeuge werden, dass sich Prophezeiung auch im positiven Sinne selbst erfüllen. Darüber hinaus bin ich sehr dankbar für die Gedankenanstöße und Erfahrungsberichte, die ich aus den Vorträgen und Workshops mitnehmen kann.

Besonders dem Vortrag von Gerd Leonhard und seiner Vision der „Zukunft der Kulturwirtschaft in einer vernetzten Welt” konnte ich viel abgewinnen, weil er mir die Art des erforderlichen Umdenkens plausibel erklärt und nahe gebracht hat.
Um nur einen Aspekt aus seinem umfassenden Beitrag herauszupicken: Er hat er z. B. am eigenen Beispiel erläutert, warum es für ihn als Autor kein Nachteil war, sein Buch „Musik 2.0” zum freien Download anzubieten. Weil das Interesse an seinen Inhalten wuchs und mit ihm die Bereitschaft seiner Leser, dafür – oder aber für andere seiner Leistungen – freiwillig zu bezahlen, stellte sich seine Entscheidung im Gegenteil sogar als vorteilhaft heraus und er verkaufte mehr Buchexemplare als je zuvor. Leonhard propagiert nicht, alle Inhalte per se gratis zur Verfügung zu stellen, sondern dafür, Inhalte zu teilen und ein Gespür dafür zu entwickeln, ab wann und wo man sein Kassenhäuschen aufstellen kann. Ganz im Sinne Fred Wilsons, den er zitierte:

Free gets you to a place where you can ask to get paid.

Ich verfolge diese Diskussion schon länger mit großem Interesse, allerdings bisher mit ebenso großer Skepsis. Leonhards Erläuterungen des Prinzips des Teilens hat mir allerdings Puzzleteilchen an die Hand gegeben, mit denen ich mein bisher lückenhaftes Bild vervollständigen konnte, so dass meine Skepsis doch erheblich gewichen ist. Abgesehen davon befindet sich Leonhard in namhafter Gesellschaft, denn auch Paulo Coelho vertritt die Meinung „Wer nicht teilt, schadet sich selbst.

Als Beleg für das funktionierende Prinzip des Teilens von Ideen und des wechselseitigen Austauschs zwischen Autor und Lesern erwähnte Leonhard u. a. Coelhos Filmprojekt „The Experimental Witch”, bei dem er Filmkünstler bat, ihre Vorstellungen zu seiner Romanfigur Athena beizusteuern. Ein Projekt, für das er mit dem Cinema for Peace Special Award 2008 ausgezeichnet wurde:

Einige der wichtigsten Erkenntnisse, die ich von der stART09 mitgenommen habe sind,

  • dass Kultur-/Live-Ereignisse nicht kopierbar sind und auch die Teilnahme an selbigen durch nichts zu ersetzen ist,
  • dass (nicht nur) Kultur- und Internetexperten in Zukunft gemeinsam, on- wie offline, viel erreichen können und
  • dass es sich gleichermaßen lohnt, uns für den Erhalt, die Weitergabe und Fortentwicklung unseres kulturellen Erbes wie auch für die Schaffung zukunftsfähiger Arten der (Zusammen-)Arbeit einzusetzen.

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7 Antworten zu “Die stART09 oder „Wer hat an der Uhr gedreht?“

  1. …ob wir das noch toppen können?

    Ach ja, wir hätten dann im nächsten Jahr das Ass „Freikaffee“ im Ärmel : )!

    Vielen Dank für dein tolles und ausführliches Feedback. Das motiviert sehr bei der Planung der stART10.

    Liebe Grüße,
    Frank

    • @ Frank: Ach, wie ich euch kenne, wird’s doch nicht beim Freikaffee bleiben! Ihr denkt euch bestimmt noch was Tolleres als Gratis-Massagen aus. Vielleicht Sänftenträger, die einen blitzschnell zu jeder Veranstaltung tragen ;-)

  2. Auch ich danke Dir sehr herzlich für Deinen ausführlichen Bericht!

    Als Veranstalter bekommt man ja so manches nicht so mit – es freut mich, dass sich unsere Begeisterung für das Thema tatsächlich auf die Teilnehmer übertragen hat! Wir hatten auf jeden Fall großen Spaß, sowohl bei den Vorbereitungen als auch bei der Konferenz selbst.

    Und natürlich freut es uns, dass unsere Vorarbeit gut angekommen ist und dass so viele Besucher sich im Vorfeld schon eingebracht haben – Partizipation, das predigen wir ja :-)
    Schön, dass es bei uns auch funktioniert hat…

    Wir bleiben in Kontakt!
    Liebe Grüße, Karin

    • > Schön, dass es bei uns auch funktioniert hat…
      @ Karin: und wie! Aber eher deshalb, weil ihr NICHT gepredigt, sondern vorgelebt habt!

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