WikiTrust: Kann man Vertrauenswürdigkeit errechnen lassen?

Durch Jörg Schiebs Blogbeitrag »Die Qualität und Glaubwürdigkeit von Wikipedia-Artikeln prüfen«, bin ich auf WikiTrust aufmerksam geworden. Mit Hilfe dieses Programms sollen Benutzer des Internetlexikons Wikipedia zukünftig anhand farblicher Markierungen erkennen können, wie glaubwürdig ein Artikel oder Passagen desselben eingeschätzt und für wie vertrauenswürdig die jeweiligen Verfasser gehalten werden.

Schon im vergangenen August stellte die »Computerwoche« die von Wikipedia selbst gestartete Offensive vor und beschrieb das zugrundeliegende System der »erkennungsdienstlichen Vertrauensmaßnahmen« folgendermaßen:

Die neuen Farbkennzeichnungen funktionieren im Grunde nach einem simplen Prinzip. Je länger ein Artikel unverändert stehen bleibt, desto vertrauenswürdiger wird er von dem automatisierten Programm eingestuft. Texte von „fragwürdigen“ Urhebern oder Quellen beziehungsweise neu eingestellte Artikel sollen laut „WIRED“ [dem amerikanischen Technologie-Magazin, das hier über WikiTrust berichtete] mit einem knall-orangen Hintergrund unterlegt werden. Texte von „vertrauenswürdigen“ Autoren werden heller gefärbt. Je mehr Personen einen neuen Beitrag ansehen und bearbeiten, desto mehr Vertrauen kann dieser hinzugewinnen, bis er schließlich von orange zu komplett weiß wechselt.

So weit so … gut?

Allen Unkenrufen aus Verlagswelt und Wissenschaft zum Trotz hat sich die Online-Enzyklopädie Wikipedia in den vergangenen Jahren als Anlaufstelle Nummer Eins bei der Informationsbeschaffung fest etabliert und bleibt leider oftmals auch die einzige Quelle. Obwohl die Beiträge von jedermann und jederfrau verfasst werden und die enthaltenen Informationen fehlerhaft oder komplett falsch sein können, wird der »Weisheit der Vielen« grenzenloses Vertrauen entgegengebracht. Nur ab und zu gerät es ins Wanken, z. B. durch Eulenspiegeleien wie dem Hinzufügen eines »Wilhelm« zum Vornamenbataillon eines gräflichen Ministers.

Gegen das Prinzip, das »Wissen der Welt« in dieser Form zu sammeln, habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Wikipedia ist auch meine erste Anlaufstelle, wenn ich mich über ein mir unbekanntes Thema informieren möchte. Wobei die Betonung auf erster Anlaufstelle liegt, weil ich mich prinzipiell ungern auf nur eine Informationsquelle verlasse. Dass nun aber die Vertrauenswürdigkeit von Beiträgen von einer programmierten Software berechnet und überprüft werden soll, finde ich doch sehr befremdlich. Mich befremdet, ehrlich gesagt, alleine schon der Gedanke, dass eine solche Lösung ernsthaft in Erwägung gezogen wird und ich warte schon auf die ersten Nonsens-Artikel, die diese Art der Vertrauensprüfung in Frage stellen. Ganz zu schweigen von Beiträgen mit eindeutig braun gefärbtem Inhalt, der für das menschliche Auge sofort erkennbar wäre, von WikiTrust aufgrund der regen Beteiligung von maschinell als vertrauenswürdig eingestuften Autoren aber zartorange und schließlich blütenweiß gefärbt würde.

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit …

»Früher« soll es zwecks Erhöhung der Vertrauenswürdigkeit von lexikalischen Inhalten ja einmal gut besetzte Redaktionen gegeben haben, deren Mitarbeiter sogar ihren Lebensunterhalt damit bestreiten konnten, geprüftes Wissen in gedruckter Form zu verbreiten. Wobei ich nicht behaupten möchte, dass das Wissen in gedruckter Form immer fehlerfrei gewesen wäre. Aber es wurde von menschlichen Wesen geprüft, die zudem nicht nur über gesunden Menschenverstand, sondern auch über Fachwissen verfügten.

Die Inhalte der Online-Enzyklopädie Wikipedia verifizieren zu wollen, halte ich ohnehin für ein fragliches Vorhaben. Was im Internet »steht« kann ich zwar glauben (wollen), ich muss aber grundsätzlich prüfen, wer was wann und zu welchem Zweck dort veröffentlicht. Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit von online publizierten Inhalten lässt sich meiner Meinung nach daher am ehesten am »guten Namen« der Verfasserinnen und Verfasser ablesen und/oder an der Häufigkeit von gleichlautenden Fundstellen. Deshalb gewinnen Wikipedia-Informationen für mich schlicht dadurch an Glaubwürdigkeit, dass ich sie auch an anderen Stellen und von anderen Quellen bestätigt finde. Es wird deshalb aus meiner Sicht unerlässlich für die Nutzerinnen und Nutzer bleiben, Informationen selbst gegenzuprüfen und dies nicht den Programmierkünsten von Softwareentwicklern zu überlassen.

Der bereits erwähnte und lesenswerte Beitrag des Magazins »Wired« berichtet übrigens sehr differenziert über die Problematik von WikiTrust und seinem Anliegen, ein »von menschlichem Einfluss unabhängiges Reputationssystem« zu schaffen. Aus meiner Sicht krankt dieses Anliegen bereits im Ansatz, weil es die Technikgläubigkeit fördert und uns davon abhält, selber wachsam zu bleiben und die Herkunft von Informationen zu hinterfragen.

Oder habe ich etwaige gewinnbringende Vorteile dieses Vertrauenswürdigkeitsverfahrens übersehen?

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3 Antworten zu “WikiTrust: Kann man Vertrauenswürdigkeit errechnen lassen?

  1. I agree that it would be better if humans verified the content of Wikipedia pages. The problem is that humans that are dedicated to do so are not in unlimited supply. A tool that highlights what has changed across revisions, and how much the changes have been revised by users known by their previous work, can be very useful: Wikipedia visitors and editors can easily focus their attention on the recent unrevised changes.
    WikiTrust will not solve all problems, but it tries to help. You are welcome not to use it, of course.

    • Thanks, Luca, for your comment and for opening the discussion. Thank you also for adding the editor’s point of view. Maybe the highlighting tool might be useful while working on an article or revising it. But I still cannot see how it can solve the reliability problem. An algorithm cannot »see« what has been written. How is prevented that it verifies nonsense? To me Wikipedia already works in a very »healthy« way. All the people can write, revise and read and all the people have to be aware of the fact that what they read might not be true. So they have to check other sources as well that verify the statements. To me, this method is more trustworthy than a computed reliability system because it teaches people to question and check online information.

  2. Pingback: Überprüfen von Wikipediaartikeln – Tool ‘Wikitrust’ | Bildungscafe Blog

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