Eröffnungskonzert MusikTriennale 2010: Im Wechselbad der Gefühle

Auffallend wenige, dafür teils hochrangige Gäste (Bundestagspräsident, NRW-Kulturstaatssekretär, Kölner OB, Intendanzen von WDR und Kölner Philharmonie) hatten sich am vergangenen Samstagabend, dem 24. April,  in der Kölner Philharmonie zur Eröffnung der MusikTriennale 2010 eingefunden. Das Festival, eines der größten für zeitgenössische Musik in Deutschland, steht in diesem Jahr unter dem Gesamtmotto »Heimat – heimatlos«. Ein Thema, mit dem sich so viele KomponistInnen und MusikerInnen auseinandergesetzt haben und beschäftigen, dass das dreiwöchige Festival in diesem Jahr rund 100 Konzerte aus den Bereichen Klassik, Jazz und Weltmusik umfasst. Über die hervorragende grafische Umsetzung des Festival-Mottos in Form der Programmbroschüre hatte ich ja schon berichtet.

Traditionell eröffnete das WDR-Sinfonieorchester den Konzertreigen. An diesem Abend (ganz ohne Maus) mit einem Programm, das unter der Überschrift »Riten der Heimat« stand. Womit ein Werk des Abends für Klassikfans nicht schwer zu erraten war. Denn es gibt eigentlich nur eine Komposition, die mit den Stichworten Ritus und zeitgenössische Musik schon eindeutig umrissen ist und zugleich für den fulminanten Auftakt eines Frühlingsfestivals taugt. Genau: Igor Strawinskys »Le Sacre du Printemps«. Vor Kurzem erst konnte man Jan Kounens  filmische Umsetzung der skandalösen Pariser Uraufführung dieses Ballets im Kino bestaunen. Er stellte die Szenen an den Anfang seines Films »Coco & Igor«.

Schon zu Beginn des Konzerts trat das WDR-Sinfonieorchester in großer Besetzung auf, denn »La noche de los Mayas«, die Orchestersuite des mexikanischen Komponisten Silvestre Revueltas (1899-1940) bietet nicht nur viele Passagen mit üppigem Streicher- und Bläserklang. Im zweiten Satz »La noche de Jaranas« und im Finalsatz ist die auf der Musik zum gleichnamigen Film aus dem Jahr 1939 basierende Suite ein Fest (ich würde sagen Ostern und Weihnachten zusammen) für insgesamt 12 Schlagzeuger. Sie bedienten ein riesiges Arsenal an Percussion-Instrumenten, gingen alle während des Stückes immer mehr aus sich heraus und beeindruckten mit mitreißenden Soli. Und – nicht zu vergessen – mit Hüftschwüngen, die ihre steife Konzertkleidung fast vergessen ließen. So war es nicht zuletzt ihnen zu verdanken, dass es das Publikum beim Applaus bereits nach der Ouvertüre aus den Sitzen riss. Ein wahrlich gelungener Auftakt!

Umso schwerer fiel es mir, mich nach diesen ekstatischen Rhythmen auf die Trauer und Melancholie des Cellokonzerts von Tigran Mansurian (*1939) einzulassen. Als der bekannteste zeitgenössische armenische Komponist vom WDR den Kompositionsauftrag erhielt und das geplante Uraufführungsdatum erfuhr, wollte er zunächst nicht an einen Zufall glauben, denn der 24. April ist der weltweite Gedenktag an den armenischen Völkermord im Jahr 1915:

»When I received the commission to write this concerto from WDR symphonic orchestra, I saw that the concert was scheduled for April 24, 2010. I thought to myself; is this a deliberate choice, to schedule the premiere on such a day? April 24 is for all Armenians worldwide the commemoration day of the victims of the 1915 Genocide. No Armenian musician could allow himself to go on stage on that day ›just like that‹« [Quelle: pr2classic.de]

Daher steht sein Cellokonzert »Ubi est Abel frater tuus?« (Wo ist dein Bruder Abel?) auch ganz im Zeichen der Stille, in der er das unfassbare Ereignis des Brudermords zu verarbeiten sucht und gleichzeitig den Opfern, denen die Armenier traditionell an diesem Tag gedenken, Respekt erweist:

»If a few words must be said about this piece, I would be content if attention were brought to the silences, especially of the silence underlying the question ›Where is your brother Abel?‹, as well as my feelings of respect toward this silence, and the absence of pathetic gestures, loud cries, shouts and calls in the music.«

Orchester und Solist interpretierten das Werk zwar ausgezeichnet, besonders Jan Vogler, der mit dem Komponisten befreundet ist und sich bereits in seiner Jugend mit dem Thema des armenischen Völkermords auseinandergesetzt hat. Aber die für dieses Stück erforderliche Ruhe, Kontemplation und Aufnahmefähigkeit wollte sich bei mir nicht recht einstellen. Eine umgekehrte Programmabfolge im ersten Teil des Konzerts wäre dem Stück, dem Anliegen seines Komponisten, Aufführenden und Publikum sicher gerechter geworden. So ging dieses Werk der Stille, mit seiner für armenische Musik typischen Zurückhaltung bei Intonation, Rhythmus und Klangfarbe zwischen den umgebenden Stücken, die in Rhythmen und expressiven Klängen nur so schwelgten, fast unter.

Nach der Pause fand sich das gespannte Publikum ein zum archaischen Ritus des Frühlingsopfers. Mit seinen »Bildern aus dem heidnischen Russland« hat Igor Strawinsky (1882-1971) ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts komponiert, das mit einem heiklen weil in ungemein hoher Lage zu spielendem Fagottsolo beginnt (das manchmal, selbst ohne Kopfstand, auch so klingen kann). Ole Kristian Dahl gelang es an diesem Abend meisterlich.
Wahrscheinlich war es der TV-Liveübertragungssituation geschuldet, dass es beim barbarischen Opferritus in der Interpretation Semyon Bychkovs dann, für meine Begriffe, recht gesittet und zivilisiert zuging. Was allerdings in keinster Weise die hervorragende Leistung des Orchesters schmälert, das an diesem Abend zum wiederholten Mal sein hohes Maß an Flexibilität, Einfühlungsvermögen und Professionalität unter Beweis stellte.

Ich habe den Konzertabend dennoch sehr genossen, wenn er mich auch in ein abruptes Wechselbad der Gefühle gestürzt hat und ich wie bei der Kirchweih lieber zuerst in die Messe und danach erst auf den Rummel gegangen wäre.

PS: Was ich an diesem Eröffnungsabend in der Kölner Philharmonie außerdem Spannendes erlebt habe, erzähle ich euch auch ganz bald.

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3 Antworten zu “Eröffnungskonzert MusikTriennale 2010: Im Wechselbad der Gefühle

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