timecaps.net (3): Zwei Profis mit dem Auge für außergewöhnliche historische Alltagsfotografie

Stocken, 9315 Neukirch, Schweiz: Am schönen Bodensee haben seit Herbst 2009 mehr als 100.000 verwaiste Alltagsfotografien eine neue Heimat gefunden, denn hier befindet sich seitdem die Zentrale der Bildagentur timecaps.net. Gegründet wurde sie von Jörg Hejkal und Christian Schneeberger und ich fand ihre Idee, »oft vor dem hausmüll geretteten zeitzeugen ein neues zuhause« zu geben, faszinierend, seit ich zum ersten Mal auf die Bilder aufmerksam geworden bin.

Von meiner zufälligen Begegnung mit den beiden engagierten timecaps.net-»Agenten« in der Kölner Philharmonie anlässlich der MusikTriennale und der VIP-Führung durch die dortige Ausstellung, habe ich auch bereits ausführlich berichtet. Dass ich es mit zwei absolut (Foto)-»Verrückten« zu tun haben musste, ahnte ich ja schon. Denn als ehemalige »Archivmaus« habe ich eine lebhafte Vorstellung davon, was es bedeutet, hunderttausend Fotos zu scannen, zu bearbeiten, zu verschlagworten, zu archivieren … Da muss die Begeisterung schon riesengroß und dauerhaft sein. Und genau dieser Enthusiasmus war bei unserer Begegnung auch zu spüren.

Deshalb wollte ich unbedingt noch mehr über die Hintergründe von timecaps.net wissen. Wie kamen die beiden auf die Idee, ein »fotografisches Gedächtnis« aus Alltagsfotografien anzulegen? Woher stammen die Bilder und nach welchen Kriterien werden sie archiviert? Christian Schneeberger hat es mir verraten und mir auf meine Fragen spannende Antworten gegeben:

Wann ist die Idee zu timecaps.net geboren worden?

Christian Schneeberger: Die Idee zu timecaps haben wir vor ungefähr drei Jahren schon ausgebrütet, haben sehr viel recherchiert, gesammelt, kategorisiert …  Nachdem die rechtlichen Grundsätze für die Firmengründung geklärt waren, haben wir im August 2009 timecaps gegründet und sind im September, begleitet von einer Ausstellung während des art forum berlin, online gegangen.

Seither bemühen wir uns, möglichst schnell einen großen Bildbestand online zu veröffentlichen, was aber nicht so einfach ist, da unsere Sammlungen schon mehr als 100.000 Fotos umfassen und wir speziell auf die Verschlagwortung große Aufmerksamkeit legen.

Nach welchen Kriterien katalogisiert ihr die Bilder denn?

cs: Wir habe unsere Sammlungen in 26 Kategorien aufgeteilt. Es liegt uns sehr viel daran, jedes Bild in seinem Entstehungskontext zu erfassen. Jedem Bild wird sein Ursprungsland und die Dekade, in dem es entstanden ist, zugeordnet. Neben dem anonymen Bildbestand unterscheiden wir uns damit grundlegend von allen anderen Agenturen.

Wie habt ihr angefangen bzw. wie seid ihr an die Bilder gekommen?

cs: Wie und wann es angefangen hat, weiß ich eigentlich gar nicht mehr, außer dass ich seit rund 10 Jahren sehr intensiv anonyme Fotos, sogenannte vernacular photography, sammle. Die Fotos stammen in erster Linie von Flohmärkten und Auktionen, aber auch von Privatpersonen, die mir ihren Fotonachlass vermacht haben.

Besonders wenn die Fotos kistenweise angekauft werden, ist das Ganze immer spannend. Ich weiß gar nicht wo anfangen … Das sind Schachteln voller unglaublicher und unbeschreiblicher Überraschungen: Von der strippenden Mutti bis hin zu Hassfotos eifersüchtiger Menschen, die ihren ungeliebten Bekannten die Augen oder Gesichter auf den Bildern ausgekratzt haben.

Es gab auch eine Familie aus Phoenix, Arizona, die mich nach dem Kauf einer Sammlung von Fotoalben auf ebay in den USA anschrieb. Sie hätten nach wochenlanger Recherche meinen Käufernamen gefunden und baten mich, ihnen diese bestimmte Sammlung zurück zu verkaufen: Die Oma musste ins Altenheim und ihr Hausrat wurde in einem Lagerhaus untergebracht. Der Cousin der Familie hatte sich darum zu kümmern, doch dieser hat das Geld für die Miete des Lagerraums anscheinend lieber versoffen, worauf der gesamt Hausrat der Oma zwangsversteigert wurde und durch einen Händler auf ebay gelandet ist. Sie wollten nun also der Oma eine Freude zum Geburtstag machen und haben den Verbleib ihrer Dinge recherchiert. Sie haben mir den Kaufpreis zurückerstattet und die Sammlung ist nach einigen Wochen wieder bei der Oma in Phoenix gelandet: Oma happy, alle happy!

Gibt es ausschließlich anonyme Bilder in eurem Archiv oder auch welche, deren Geschichte ihr kennt?

cs: Ich würde sagen, mehr als 95% sind anonym. Wenn es einen Autor gibt, sind die Bilder meist weit über 100 Jahre alt. Eigentlich wissen wir nie sehr viel über die Fotos, es gibt aber Ausnahmen. Bei manchen wissen wir, aus welchem Umfeld sie stammen, was der ursprüngliche Besitzer gearbeitet hat. Wir haben zum Beispiel Bilder vom Künstler in Australien wie von einfachen Bauern in den USA, vom deutschen Wissenschaftler, dem Studenten in Brasilien, einem Soldaten in Japan, dem nach New York emigrierten chinesischen Arzt, bis zum Spezialisten und Inspektor für Flugzeugabstürze in Frankreich und Dutzende andere …

Nach welchen Kriterien wählt ihr Bilder aus?

cs: Noch so ’ne schwere Frage! Man entwickelt halt ein Auge für das spezielle Bild. Natürlich haben wir bestimmte Themen auch intensiv gesammelt: Doppelbelichtungen, Leute am Fenster, Leute in Bäumen, Rückansichten, Aufnahmen vom TV, Geister und Gespenster, Unfallszenen, Katastrophenbilder (keine Pressebilder), Akte, Künstler in ihren Ateliers, Graffitti, Architektur usw. Manchmal ist es schlicht ein Entwicklungsfehler, eine Unschärfe oder Bewegung, eine defekte Kamera, die schlechte Aufbewahrung der Fotos (Flecken, Knicke, Risse, etc.), die Bildsprache, der Kontext oder die Herkunft …

Wie habt ihr die Arbeit untereinander aufgeteilt?

cs: Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich sehr gut, da wir beide das gleiche »Auge« für außergewöhnliche Fotos haben und uns somit bestens ergänzen. Jörg macht vor allem die digitale Erfassung und Bildbearbeitung und ich kümmere mich um die Verschlagwortung in Deutsch und Englisch und um das Geschäftliche.

Von Jörg weiß ich ja schon, dass er Fotograf ist. Wie bist du selbst denn zur Fotografie gekommen?

cs: Also ich habe mich schon so lange ich denken kann für Fotografie interessiert und wollte das sogar einmal studieren. Und weil immer doch alles anders kommt als man manchmal denkt, habe ich nach meinem Primarlehrerabschluss Kunst- und Architekturgeschichte studiert.

Nach dem Studium habe ich als Kunstexperte in verschiedenen Auktionshäusern, Galerien und öffentlichen Institutionen gearbeitet. 1995 habe ich meine eigene Galerie & Edition Christian Schneeberger in St. Gallen in der Schweiz gegründet. Nach drei Jahren musste ich leider aus finanziellen Gründen die Galerie schließen und habe mich mehr auf den secondary art market konzentriert mit dem Spezialgebiet outsider art & vernacular photography. Seither arbeite ich sehr eng mit der Andrew Edlin Gallery in New York zusammen.

Unsere Agentur nimmt momentan sehr viel Zeit in Anspruch, aber trotzdem mache ich noch verschiedene andere Sachen nebenbei. Ich betreue verschiedene öffentliche Kunstsammlungen einiger Schweizer Gemeinden hier am Bodensee, von Kreuzlingen bis Rorschach. Daneben führe ich zwei Gemeindearchive, habe ein kleines Onlineantiquariat und kuratiere die verschiedensten Ausstellungen in Museen und Galerien.

Für welche Projekte werden eure Bilder angefragt und verwendet?

cs: Zum Beispiel für redaktionelle Nutzung und Werbezwecke. Mit unseren Editionen sind wir auf der Suche nach  verschiedensten Ausstellungsmöglichkeiten, wie Museen, öffentliche Räume, Messen. Sie eignen sich aber auch für Ausstellungen in Privaträumen zu verschiedensten Anlässen.

• Und was steht als Nächstes auf eurer Agenda?

cs: Wir arbeiten gerade an unserer ersten Publikation: Ein 120-seitiges Buch mit den Bildern unserer Edition, Hardcover. Es erscheint hoffentlich noch dieses Jahr. Außerdem möchten wir mit verschiendenen renommierten Sammlungen zusammenarbeiten, so z. B. mit der Sammlung von John & Tennuh Forster aus St. Louis, USA. John hat übrigens eine tolle Website und ein fantastisches Blog: www.accidentalmysteries.com

Kann man euch auch Bilder schicken und/oder schenken?

cs: Natürlich kann man uns sehr gerne Bilder schicken und noch lieber schenken, wir nehme gerne alles an!!!

Vielen Dank, lieber Christian, dass du dir so viel Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen und mir so anschaulich von eurer Arbeit erzählt hast!

•••

Die Designerin Hida Biçer, die mit ausgewählten Bildern von timecaps.net meisterlich und mit viel Herzblut das Corporate Image der diesjährigen MusikTriennale gestaltet hat, schrieb mir in einer E-Mail: »Die beiden ›(Foto-)Verrückten‹ sitzen bereits auf der Zukunftsrakete, um laut loszustarten.«

Diesen Eindruck habe ich auch gewonnen und ich wünsche ihnen dabei eine glückliche und sehr erfolgreiche Reise!

~~~~~~~~~~

Bereits erschienene Beiträge:
timecaps.net: Die Bildagentur für Zeitreisende
timecaps.net (2): Bildagentur und »fotografisches Gedächtnis«

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5 Antworten zu “timecaps.net (3): Zwei Profis mit dem Auge für außergewöhnliche historische Alltagsfotografie

  1. Liebe Birgit
    über dein Blog gelingt es mir uns selbst beim Denken, Arbeiten, Sammeln, Auswählen, Verrücktsein, Visionieren, und so vieles mehr zuzuschauen – Dein Bog heißt Auslassungspunkte und ich verstehe jetzt besser was damit gemeint ist…
    Du gehst immer unter die Oberfläche und es bereitet mir großes Vergnügen Deine Seiten zu lesen
    ein herzliches Dankeschön dafür
    bis ganz Bald Jörg

    • Ja, die »Auslassungspunkte« sind doppeldeutig gemeint und gehen darauf zurück, dass ich mich hier über meine beruflichen Punkte auslasse und über das, was mir an Texten, Tönen, Bildern Interessantes über den Weg läuft oder mir erwähnenswert scheint. Dass du meine Auslassungen gerne liest, freut mich sehr, lieber Jörg! Das Schöne am Bloggen oder »timecapseln«, wie du es so schön genannt hast, ist für mich, dass ich dadurch schon sehr sehr viele interessante Menschen kennengelernt habe, mit denen ich mich sonst nie hätte austauschen können. Daraus sind mittlerweile auch schon Begegnungen und Freundschaften im »Real Life« entstanden, die ich nicht mehr missen möchte. Vielleicht kommt ihr selbst ja auch noch auf den Geschmack und startet bald ein timecaps-Blog. Ideen dafür gäb’s ja reichlich(st) … Liebe Grüße!

  2. Liebe Birgit
    das feuer ist entfacht…LOL, ich weiss geschichten für einen blog gäbe es genügend….wenn damit nur auch die zeit dafür da wäre, aber was noch nich is kann ja noch werden…danke für den tollen beitrag, hoffe wir sehen uns am wochenende in der philharmonie

    liebe grüsse christian

    PS unser erwähntes buch haben wir beim grossen fotobuchwettbewerb in hamburg eingereicht http://www.fotobuch-tage.de/de/11/home.html

    • Das scheint mir auch so, dass das Feuer entfacht ist … *grins* Schön, wenn ich euch auf den Geschmack gebracht habe. Das mit dem Kommentieren klappt ja mittlerweile auch wunderbar! Vor drei Wochen sah das ja noch ganz anders aus! :-))) Und wenn ihr den getPublished Award der Hamburger Fotobuchtage (kannte ich noch gar nicht, ist ja spannend!) bekommt, wär das doch DIE Gelegenheit, ein eigenes Blog anzufangen, oder? Ich werde euch auf jeden Fall fest die Daumen drücken! Also für den Award … erstmal … ;-)

  3. Pingback: Faszinierende Foto-Geschichte(n): »In almost every picture #9« | … Auslassungspunkte

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