Die Müllmafia: Eine erschütternde und aufrüttelnde journalistische Recherche

»Da bleibt wenig Raum für Optimismus«, heißt es auf Seite 87 des jüngst erschienenen Buches »Die Müllmafia: Das kriminelle Netzwerk in Europa« der Journalisten Sandro Mattioli und Andrea Palladino.

Obwohl an dieser Stelle erst gut ein Drittel der insgesamt 255 höchst spannenden Seiten erreicht sind, steht am Ende der Lektüre kein anderes Fazit als dieses.

Was die Autoren während ihrer dreijährigen Recherche herausgefunden und streckenweise packend wie in einem Thriller niedergeschrieben haben, ist schier unvorstellbar. Sowohl was das Ausmaß der Kriminalität als auch die Reichweite des internationalen Netzwerkes von Unternehmern, Politikern, Beamten und Mafiosi betrifft, das über Jahrzehnte »gefährlichen Müll«, sprich hochgiftige, teils nukleare Abfälle, verschiffen und versenken oder in Europa und Afrika verbuddeln ließ.

»Müll ist ein seltsamer Stoff: Jeder Mensch, jedes Unternehmen, jede Gesellschaft produziert ihn. Und doch ist er merkwürdig ortslos: Man gibt ihn in die Mülltonne, und weg ist er. In der Gesellschaft sind die Orte, an die er gebracht wird, Un-Orte. Man geht dort nicht hin, man hält sich vom Müll fern.« [Die Müllmafia, S. 142]

Und seit es Vorgaben und Richtlinien zur Entsorgung von (Industrie-)Müll gibt, ist daraus erst ein richtig lukratives Geschäft geworden – für diejenigen, die den Müllproduzenten ihre Abfälle »aus den Augen aus dem Sinn« schaffen. Die Industriegeschichte der reichen Länder lässt sich, nach Aussage der Autoren, im Meer recherchieren. Ein Geschichtsbuch, das man angesichts der mal mehr mal weniger ausführlich beschriebenen Beispiele, lieber nicht aufschlagen möchte.

Natürlich kommen nur wenige von uns mit diesem Geschichtsbuch unmittelbar in Berührung. Die meisten werden das Glück haben, fernab von vergrabenem Giftmüll und weit genug entfernt von Küsten zu leben, vor denen Schiffe mit einbetonierten nuklearen Abfällen ihre letzte Ruhe fanden. Und doch betreffen die Machenschaften der Müllmafia uns alle. Weil wir uns dem Kreislauf des Lebens nicht entziehen können:

»Das Meer, diese mächtige Monotonie, lässt Leben erst zu. Wolken tragen es über das Land, auch über dich, wenn du im Regen spazieren gehst.« [Die Müllmafia, S. 254]

Es gab nur wenige Menschen, die den Kampf gegen die Machenschaften der Müllmafia aufgenommen und die versucht haben, ihre Verbrechen aufzuklären. Zwei von ihnen, der Polizeiermittler Natale de Grazia und die Journalistin Ilaria Alpi, ließen dabei ihr Leben. Ihr hartnäckiger Kampf findet in diesem Buch nicht nur eine angemessene Würdigung, sondern wird auch dem Vergessen entrissen.

Das Buch von Sandro Mattioli und Andrea Palladino ist erschütternd und aufrüttelnd. Es ist eine großartige journalistische Arbeit, in der Fakten und Namen genannt werden und die uns das Ausmaß dessen erahnen lässt, was unter den riesigen »Teppich« unserer Erde und Ozeane gekehrt wurde und dort noch verborgen liegt. Ein eindringliches Plädoyer, sich Gedanken darüber zu machen was mit unserer Umwelt geschieht, hinzusehen, sich zu engagieren und solidarisieren.

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Weitere Infos: Sandro Mattioli im hr-Interview zum Buch auf der Frankfurter Buchmesse 2011.

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Bibliographische Angaben:
Sandro Mattioli, Andrea Palladino
Die Müllmafia: Das kriminelle Netzwerk in Europa
Herbig Verlag, 2011
255 Seiten
ISBN: 978-3776626650
19,99 Euro

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